Wasserbilder
Alles was ist, geht vorüber – manches davon besitzt eine ästhetische Ausdehnung in Raum und Zeit – besitzt eine temporäre Erscheinung. Die Wahrnehmung fixiert eine Sache größtenteils in dem Moment ihrer Aufmerksamkeit, nimmt sie aus ihrem (natürlichen) Prozess heraus und stellt sie für die Dauer der Betrachtung von ihrem Werden und Vergehen frei.
Diesen Zusammenhang von Natur, Bewusstsein, Prozess und Ästhetik fokussieren die Aquarelle von Roman Lindebaum. Mit der umfassend angelegten und akribisch parametrisierten Untersuchungsanordnung tritt Roman Lindebaum in ein produktives, ringendes Zwiegespräch mit einem bildgebenden Prozess: Kaskaden organischer Formen, die sich auf dem Papier wie kosmische Nebel ausbreiten – Farben, die sich auffächern, überlagern und überschlagen…
Auf den ersten Blick wirkt der kontinuierlich wachsende Bilderzyklus »Flares und Nebulas« des Potsdamer Künstlers wie die visuelle Deklination einer phantasievollen Hingebung. Beim näheren Hinsehen jedoch ist der Status des jeweiligen Bildes als der Endpunkt eines künstlerischen Prozesses hier nicht haltbar. Hinter der vordergründigen Ästhetik des Moments und einer vermeintlich eher emotionalen Zugänglichkeit entfalten sich die Bilder in die zeitliche Dimension und das Wirkgeflecht der Welt hinein – und befragen das dem Werk innewohnenden Verhältniss von künstlerischer Methode und naturphysikalischer Kausalität.
Die Flares und Nebulas, mit ihrer verblüffend plastischen Tiefenwirkung, entstehen aus einem Zusammenspiel von Papier, pigmentierter Farbe, dem chromatografischen Prinzip und einer bewussten Setzung. Sie sind das Resultat eines singulären, wirksamen Realitätsgefüges aus Ort und Material, aus physikalischen Parametern wie Temperatur, Feuchtigkeit, Polarität – und schließlich dem ästhetischen Ringen des Künstlers.
Die Arbeiten von Roman Lindebaum sind weniger Bild als vielmehr Ereignis – Prozess eines physikalisch-künstlerischen Zwiegesprächs.
Text: Marcus Große